Macht Eigenkapital unsere Banken sicherer?

Finanzkrisen als disruptive Ereignisse[1] prägen unlängst nur den Finanzsektor – vielmehr ist zunehmend auch die länderübergreifende Entwicklung von Volkswirtschaften davon betroffen. Schon der Ökonom Peter Drucker hat Ende der sechziger Jahre festgestellt, dass „Unstetigkeiten und nicht so sehr der kräftige Impuls der offensichtlichen Tendenz (…) unsere Welt von morgen bestimmen und formen“[2] werden.

Es wird ausgehend von der Behauptung, Eigenkapital sei „teuer“[3] gezeigt, welcher Zusammenhang zwischen Eigenkapitalsteigerungen im Bankenwesen und dessen Performance besteht. Die Ausführungen gehen von der Annahme aus, dass es von höherer Priorität ist, dass Kosten für Volkswirtschaften geringer gehalten werden, als dass Banken den Vorzug erhalten.[4] Zumal mit Kosten für Banken nicht zwangsläufig Kosten für eine Volkswirtschaft einhergehen.[5]

Elliot et al. (2012) bewerten Eigenkapital als kostspieliges Finanzierungsinstrument, indem gesagt wird, dass erhöhte Eigenkapitalanforderungen die Kosten für (US-) Banken deutlich erhöhen werden. Neben gesteigerten Aufwendungen, werde durch derartige Regulation die Wettbewerbspositionen von Finanzinstituten gegenüber anderen Unternehmungen geschwächt, da diese weitestgehend keinen Kapitalregulierungen unterliegen.[6] Des Weiteren argumentieren sie, „[After Basel III] there will doubtless be some types of loans where competition from non-banks will make it impossible for banks to competitively offer credit at the prices necessary to produce the required return.”[7] Bei obiger Darstellung werden jedoch einige Tatsachen vernachlässigt. In Bezug auf den „Fairness-Faktor“, dass Unternehmen anderer Branchen frei von Kapitalstrukturregulation sind, ist dies bspw. der Umstand, dass kaum eine Branche solche Systemrelevanz für Volkswirtschaften hat wie Banken. Zusätzlich ist der Sektor der Finanzinstitute von einer homogenen Struktur geprägt, d.h. einige wenige Banken besitzen einen Großteil der Marktmacht und unterliegen, wenn überhaupt lediglich einem geringen brancheninternen Wettbewerb,[8] sodass ihre jeweiligen Entscheidungen große Auswirkungen auf ihre Umwelt haben können

Bei der Diskussion, ob die Kosten des Eigenkapitals die des Fremdkapitals übersteigen, wird häufig eine isolierte Betrachtung der jeweiligen Kosten vorgenommen. Obwohl beider Finanzierungsarten immer sich bedingende Variablen sind, werden oftmals rückkoppelnd Effekte zwischen schuldenbasierter und eigenkapitalbasierter Finanzierung vernachlässigt. Da Kapitalkosten größtenteils Ergebnis des eingegangenen Risikos seitens des Kreditgebers (bei Fremdkapital) bzw. Anteileigners (bei Eigenkapital) sind, sind die Finanzierungskosten einer Bank eben vom Risiko ihres Geschäftes abhängig. Dieses wiederum erhöht sich, sofern Finanzinstitute einen geringes Sicherheitspuffer in Form von Eigenkapital haben bzw. im Umkehrschluss stark schuldenbasiert finanziert sind.[9] Aus dieser Beziehung wird zweierlei ersichtlich: einerseits, dass eine höhere Eigenkapitalquote (EKQ) dazu führt, dass Banken als solventer beurteilt werden, wenn sie über tendenziell viel Eigenkapital im Verhältnis zum Gesamtvermögen verfügen und sich somit durch ihr niedriges Risikopotenzial Kapital zu relativ geringen Zinsen beschaffen können. Zudem steigert eine erhöhte EKQ ihre Krisenresilienz, da im Falle diskontinuierlicher ökonomischer Entwicklungen über einen längeren Zeitraum hinweg eine Selbstfinanzierung, unabhängig von Dritten (sei es die Zentralbank oder Fremdkapitalgeber etc.) aufrechterhalten werden kann. Andererseits ist aus der Ex post-Betrachtung mit Finanzkrisen als Ausgangspunkt festzustellen, dass sich überdurchschnittlich eigenkapitalisierte Banken nach diesen Ereignissen schneller erholen als solche mit einem geringen Eigenkapital. Zusätzlich ist nach zwei Jahren bei erstgenannten ein stärkeres Geschäftswachstum zu verzeichnen.[10]

Eine hohe Verschuldungsquote kann zudem, bedingt durch einen niedrigen Bestand an Eigenkapital, eine Bank dann substantiell gefährden, wenn sie hierdurch hohe Finanzierungskosten abbilden muss, die an die Kunden weitergereicht werden müssen. In diesem Fall besteht die Gefahr, dass sich das Kreditinstitut „aus dem Markt heraus kalkuliert“. Die Kunden werden dann bei rationalen Entscheidungen eher Kredite bei anderen Banken aufnehmen, die besser kapitalisiert sind, zu niedrigeren Zinsen Kapital leihen und schließlich auch verleihen können, da sie real weniger Kosten zu tragen haben. Diese Betrachtung leitet zum nächsten Aspekt über, der sich mit den Kosten, die eine Finanzkrise mit sich zieht, beschäftigt.

An dieser Stelle ist es von Relevanz, dass zwischen privaten und sozialen Kosten unterschieden wird. Erstere sind Kosten, die die einzelnen Banken nach Krisen der Finanzwirtschaft zu tragen haben. Mit sozialen Kosten sind die von einer Volkswirtschaft zu tragenden Kosten nach Auftreten von Finanzkrisen gemeint. Das können bspw. Mittel sein, die letztendlich von Steuerzahlern aufgewendet werden, um Banken vor der Insolvenz zu schützen.

Bei der Anführung des Argumentes, höhere Eigenkapitalanforderungen zögen eine Erhöhung der Zinsen für vergebene Kredite mit sich, ist festzustellen, dass die Wirkungsrichtung einiger Kausalitäten missachtet wird. So etwa die Beziehung zwischen staatlichen Garantien im Falle des Scheiterns von Bankinstituten und deren Performance. Die Befürworter obigen Argumentes gehen von der fundamentalen Annahme aus, die Sicherheitsversprechen seien dazu ausgegeben, dass Banken ihre Performance erhöhen können, indem Sie mehr Kredite aufgrund niedriger Zinssätze vergeben können. Doch wird dabei nicht der eigentliche „Verwendungszweck“ der Garantien beachtet: die Beruhigung des Kapitalmarktes kurz vor oder während Finanzkrisen, um aus ihnen resultierende, drohende Negativauswirkungen abzupuffern oder bestenfalls abzuwenden. Sie sind nicht dazu erhoben, um niedrige Kreditzinsen herbeizuführen.[11] Die künstliche Erschaffung eines niedrigen Zinsniveaus nämlich steigert tendenziell die Fragilität des Finanzsystems und mit ihm, die der Ökonomie, da Anreize für Banker geschaffen werden, höhere Risiken einzugehen und somit Ressourcen falsch zu allokieren. Hierdurch steigen Ineffizienzen[12] und das Aufkommen eines überdurchschnittlichen Kreditwachstums nimmt an Wahrscheinlichkeit zu, welches Anzeichen für Disruptionen im Finanzsektor sein kann. Hieraus wird ersichtlich, dass die Beibehaltung einer hohen Verschuldungsrate in Kombination mit Garantien des Staates durch die folglich niedrigen Zinsen zwar kurzfristig positive Auswirkungen auf Ökonomien und Volkswirtschaften haben kann (z. B. in Form von Investitionen), jedoch in keinem vertretbaren Verhältnis zu den möglichen Auswirkungen für eine Volkswirtschaft steht.[13] Die Ausnutzung der hohen Hebelwirkung des Fremdkapitals[14] führt, wie vergangene Entwicklungen  des Finanzsystems zeigen, zu hohen sozialen Kosten für die Volkswirtschaften.[15] Denn die Aufsichtsbehörden wickeln die Banken bei  Insolvenzen oftmals nicht ab, sondern subventioniert sie mit Steuergeldern, um deren Substanz zu retten, obwohl eine Bereinigung des Marktes u. U. zielführender wäre.[16]

Die positiven Effekte einer Steigerung der Kapitalquote überwiegen, bezogen auf die Prävention von Finanzkrisen durch Stärkung des Finanzsystems, die negativen. Daher erscheint es diesbezüglich als sinnvoll, eine höhere Eigenkapitalisierung zu fordern.

Banken sind für moderne volkswirtschaftliche Systeme zweifelslos von hoher Relevanz. Umso wichtiger ist es daher, dass sie ein Stabilitätsanker für Volkswirtschaften sind. Dies ist jedoch nur zu gewährleisten, wenn die Finanzinstitute selbst „gesund“ sind und keinerlei umfangreicher staatlicher Subventionen bedürfen. Eine Erhöhung der EKQ kann hierzu einen signifikanten Beitrag leisten, indem sie die Fragilität der Banken reduziert und somit deren Resilienz bei eintretenden Diskontinuitäten erhöht. Aus volkswirtschaftlicher Perspektive erscheint eine Erhöhung der Eigenkapitalquoten bei Banken ebenfalls als zielführend, da die im Rahmen einer Finanzkrise entstehenden sozialen Kosten durch das gesteigerte Selbstfinanzierungspotenzial der Kreditinstitute gesenkt werden. Somit ist die These, dass eine erhöhte EKQ Finanzkrisen vorbeugen als auch deren Nachwirkungen abmildern kann, zu bestätigen.

Abschließend ist festzustellen, dass die Regulationsbemühungen der jeweiligen Behörden dem Grundsatz nach als richtig zu bewerten sind. Dennoch ist in infrage zu stellen, ob die Regulierungen inkl. ihrer langen Übergangszeiten tatsächlich ihre volle Wirkung entfalten können. Oder ob es für Volkswirtschaften nicht sinnvoller wäre, wenn die EKQ im Vergleich zu gegenwärtigen Niveau regulatorisch deutlich angehoben werden würde. Selbst, wenn eine Bereinigung des Bankenmarktes bevorstünde. Durch die lediglich marginale Erhöhung des Eigenkapitalniveaus durch Basel III ist abzusehen, dass bei einer erneuten starken Disruption des Finanzmarktes, wie bei der letzten Finanzkrise um das Jahr 2008 herum aufgrund der geringen Sicherheitsmargen hohe Verluste bevorstehen – für Banken und für Volkswirtschaften.

[1] Diskontinuität und Disruption ist hier synonymartig zu verstehen als „abrupte und systemhafte Entwicklungsänderung“. Lehmann (1994): 9.

[2] Drucker (1969): 7.

[3] Mit dem Begriff „teuer“ ist im Kontext einerseits die Negativbeeinflussung des monetären Outputs bei Steigerung von Eigenkapitalquoten gemeint, aber auch opportune Aufwendungen wie bspw. die Einschränkung im Bereich der Investition in neue Geschäftsmodelle des Bankenwesens wie FinTechs.

[4] Grund dafür ist einerseits, dass eine Schwächung gesamter Volkswirtschaften für Individuen negativere Auswirkungen hat, als das Scheitern einzelner Bankinstitute. Geschätzt wird, dass die Finanzkrise um das Jahr 2008 lediglich auf die amerikanische Bevölkerung eine negative Auswirkung in Form eines Schadens von 20 Billionen US $ hatte (Stand Juli 2015). Vgl. Bettermarkets (2015): 97.

[5] Vgl. Admati/Hellwig (2014): 136.

[6] Vgl. Elliot et al. (2012): 15.

[7] Elliot et al. (2012): 27.

[8] Vgl. Sun (2011): 10 ff.

[9] Vgl. Admati/Hellwig (2014): 163 ff.

[10] Vgl. Jordà et al. (2017): 27.

[11] Vgl. Admati/Hellwig (2015): 15.

[12] Vgl. Admati/Hellwig (2015): 15 ff.

[13] Von Banken vergebene Kredite inkl. Zinsen, die nicht kongruent zu dem eingegangenen Risiko sind, schaden Volkswirtschaften. Solche Kredite sind oftmals Ergebnis der Eigennutzenmaximierung der Kreditinstitute und folgen der Annahme, dass potenziell auftretende Verluste vom Staat übernommen werden.  Vgl. Admati/Hellwig (2015): 13.

[14] Leverage-Effekt

[15] Vgl. Bettermarkets (2015): 97 f.

[16] Vgl. Admati/Hellwig (2014): 271. Es wird sogar davon ausgegangen, dass Volkswirtschaften sich im Vergleich zu ihrem eigentlichen Entwicklungspfad deutlich langsamer von Finanzkrisen regenerieren, wenn sie insolvente Finanzinstitute mit Staatshilfen subventionieren, anstatt eine Marktbereinigung zuzulassen. Vgl. Admati/Hellwig (2014): Kapitel 11, Anmerkung 34.

Quellen:

Admadi, Anat/Hellwig, Martin (2014): Des Bankers neue Kleider. Was bei Banken wirklich schiefläuft und was sich ändern muss, 3. Auflage. München: Verlag Finanzbuch.

Admadi, Anat/Hellwig, Martin (2015): The Parade of the Bankers’ New Clothes Continues: 31 Flawed Claims Debunked. Diskussionspapier.

Bettermarkets (2015): The Cost Of The Crisis. $ 20 trillion an counting. URL: https://www.bettermarkets.com/newsroom/20-trillion-cost-financial-crisis, Abruf am 17.06.2017.

Drucker, Peter F. (1969): Die Zukunft bewältigen. Aufgaben und Chancen im Zeitalter der Ungewissheit. Düsseldorf/Wien: Verlag Econ.

Elliot, Douglas/ Salloy, Suzanne/ Oliveira Santos, André (2012): Assessing the Cost of Financial Regulation. Diskussionspapier.

Jordà, Òscar/Richter, Björn/Schularick, Moritz/Taylor, Alan M. (2017): Bank Capital Redux: Solvency, Liquidity, and Crisis. Diskussionspapier.

Lehmann, Andreas (1994): Wissensbasierte Analyse technologischer Diskontinuitäten. Wiesbaden: Deutscher Universitätsverlag.

Sun, Yu (2011): Recent Developments in European Bank Competition. Diskussionspapier Nr. 11/146. Washington: International Monetary Fund/ Department of Economics, George Wash-ington University.

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